Nimm dir Zeit - nicht nur im Advent

Liebe Gemeinde,

heutzutage muss alles schnell gehen. Besonders in der Arbeitswelt mit Akkordarbeit und immer kleinerer Belegschaft für immer mehr Aufgaben. Doch auch über die Arbeitswelt hinaus nimmt die Hektik zu. Bei vielen Menschen ist die Freizeit – die freie Zeit – fest verplant, so dass sie dann doch keine freie Zeit mehr haben. Hier ist dieses Konzert interessant, da muss ich zum Training, und dann „muss“ ich meine Eltern besuchen. Wo bleibt die Zeit?

Es ist Advent... Foto: Lotz

Mit dem Verlust der Zeit geht der Mangel an Geduld einher. Alles soll sofort passieren. Manches Internet-Versandhaus befeuert diese Entwicklung: Bei einer Bestellung kann man gegen Aufpreis sein Paket noch am gleichen Tag in der Hand halten. Geduld wird zum Luxusgut.

Jetzt beginnt der Advent 2015. Es sind noch einige Tage bis Weihnachten, einige Tage Geduld sind gefragt. Doch was machen wir? Wir ziehen Weihnachten vor! Längst haben die ersten Weihnachtsfeiern stattgefunden. Von Nikoläusen und Lebkuchen im September will ich gar nicht reden.

Gar nicht dazu passend schreibt uns der Apostel Jakobus einen kurzen Text zur Geduld (Jakobusbrief 5,7-8). Geduld ist wichtig, sagt er. Und fügt eine Beispielgeschichte an. Der Bauer wartet darauf, dass die Saat wächst. Er weiß, dass er das nicht beschleunigen kann, sondern wartet geduldig auf den Regen. Der wird die Saat keimen und gedeihen lassen.

Jeder Hobbygärtner kennt das. Keiner käme auf die Idee, das Wachstum zu beschleunigen. In der Natur brauchen wir (noch) Geduld.

Gott lässt sich nicht hetzen

Was in der Natur gilt, gilt umso mehr für Gottes Reich. Wir können es nicht beschleunigen. Egal, was wir tun werden, es wird nicht schneller kommen. Und auch der Herr wird nicht schneller zu uns zurückkommen.

Die Menschen damals erwarteten, dass Jesus noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen würde. Sie warteten darauf, dass endlich das Reich Gottes anbrechen und damit alle irdische Mühsal, Qual und Anstrengung zu Ende gehen werde. Sie warteten durchaus geduldig. Es war ihnen klar, dass es schon noch einige Jahre dauern könnte. Aber dann ging ihnen doch die Geduld aus. Jetzt könnte er schon erscheinen, der Jesus, dachten sie, schließlich waren schon die ersten Christen gestorben. Wie lange sollte das denn noch dauern?

Wir wissen es: Bis heute ist Jesus nicht wiedergekommen und hat das Reich Gottes aufgerichtet. Wie lange wird es noch dauern? Wie geduldig sind wir?

In wenigen Wochen feiern wir Weihnachten. Auch hier ist unsere Geduld gefragt. Als Kind fiel mir das ganz schwer. Weihnachten sollte jetzt sein! Ich wollte die Geschenke! Warum dauert das so lange?

Jetzt bin ich etwas abgeklärter. Ich freue mich darüber, dass noch einige Wochen lang Advent ist. Ich warte geduldig auf das Ereignis der Geburt Jesu im Stall zu Bethlehem. Ich weiß, all das gehört zusammen, und eines ist ohne das andere nicht denkbar. Denn was wäre, wenn wir die Zeit beschleunigen könnten? Dann würde es uns vielleicht so gehen wie dem Bauernsohn, von dem diese Geschichte handelt:

Der Knopf an der Weste

Ein Bauernsohn, 16 oder 17 Jahre alt, wartet unter einem Baum auf seine Liebste. Dabei nickt er ein. Plötzlich erscheint ihm eine Fee und fragt ihn, was er sich wünsche. „Ich möchte gerne, dass die Zeit schneller vergeht“, sagt der Junge zu ihr. Da zeigt sie auf einen Knopf an seiner Weste und sagt: „Immer, wenn du diesen Knopf rechtsherum drehst, wird die Zeit schneller vergehen!“

Der Bauernsohn ist begeistert. Schnell dreht er am Knopf – und schwuppdiwupp ist seine Liebste da. Ist das schön! Doch dann denkt er: Wenn wir doch schon längst verheiratet wären! Heimlich dreht er wieder am Knopf – und die beiden sind einige Jahre älter und glücklich verheiratet. Und so geht es weiter:

„Wenn wir doch schon Kinder hätten!“ „Wenn doch endlich ich der Bauer auf dem Hof wäre und schalten und walten könnte, wie es mir gefällt!“ Sie ahnen es: Die Jahre sind vergangen, der Vater ist gestorben, die Mutter alt geworden. Die Last des Hofes liegt auf den Schultern des jetzt nicht mehr so jungen Bauernsohnes.

„Ach ist das anstrengend. Wenn ich doch mehr Hilfe von meinen Kindern hätte!“ Ja, auch das geht in Erfüllung. Er selbst ist alt geworden, seine Kinder helfen auf dem Hof tüchtig mit.

Doch dann fragt er sich: „Wo ist eigentlich mein Leben geblieben?“ Er versucht, den Knopf linksherum zu drehen. Doch das geht nicht. Mehr und mehr zerrt und zieht er am Knopf. Er will seine Jahre zurück! Da plötzlich macht es einen Ruck: Der Mann wacht auf, liegt wieder unter dem Baum, ist wieder jung. Den Knopf seiner Weste hält er in der Hand. Er hat ihn im Schlaf abgerissen. Glücklich richtet er sich auf und wartet nun geduldig auf seine Liebste. Er weiß nun: Zeit kommt nie wieder zurück!

Wir haben Zeit

Wenn wir auf den kommenden Erlöser warten, dann sollten wir immer bereit sein. Keiner kennt die Stunde, zu der er kommen wird. Doch wir sollten auch Geduld haben. Die Zeit, die uns bleibt, können wir nutzen: "Stärkt eure Herzen“, schreibt Jakobus.

Ja, in dieser Adventszeit stärken wir unsere Herzen. Wir beten zu Gott, wir hören seine Geschichten, wir singen seine Lieder, wir treten in Kontakt zu ihm. All das bringt uns Stärkung, bringt uns Kraft für unseren Alltag. Wenn alles heute schnell gehen muss: Mit unserem Glauben haben wir Zeit. Gott hat mit uns Geduld. Er weiß, wann wir soweit sind. Und er wird kommen – wenn wir bereit sind.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Advent.


Ihr Pfarrer
Roland Höhr